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Lisas Tagebuch 1945-46
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Im Frühjahr 1945 ist Lisa Jobst, damals Lisa Hösel,  knapp 25 Jahre alt und lebt mit ihrer Schwiegermutter „Muttel“ im sächsischen Städtchen Oederan. Ihr Mann Heinz ist Soldat der Wehrmacht.   
Ein knappes Jahr führt sie in dieser Zeit ein Tagebuch.  


Die hier veröffentlichten Auszüge aus dem Tagebuch sind Teile eines authentischen Dokuments. Sie stehen exemplarisch für das Leben von Millionen Frauen, die den Krieg überlebten und sich nach dem Krieg in die neuen komplizierten Verhältnisse einfügen mussten. 

Vielleicht kann dieser Text historisch erklären helfen, warum so viele Menschen sich nach dem Krieg bewusst für das Leben in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, entschieden haben. Ausgangspunkt dürfte für die meisten - wie bei Lisa Jobst - der Wunsch und Wille gewesen sein, die durch Deutschland verursachte Zerstörung Europas wieder gutzumachen.       


Oederan, den 16.6. 45 – 
Es hat sich in den letzten Wochen viel ereignet, so viel, daß ich einiges in diesem kleinen Tagebuch festhalten will.
Dies tue ich in der Hoffnung, daß es einmal mein geliebter Mann lesen wird.

Am 7.5. liefen durch unser Städtchen wieder einmal die wildesten Gerüchte. Ich fuhr auch nicht nach Flöha zur Arbeit, denn die ganze Stadt war außer Rand und Band. Wir sahen durchs Fenster viele Flüchtlinge und alle sagten; „die Russen kommen!“ Die Russen kamen auch, aber es verlief alles anders, als man es gedacht hatte. Es fiel kein Schuß. Wir sahen zum Fenster hinaus und sahen einen Panzer nach dem anderen um die Ecke biegen. Die Flüchtlinge wurden überholt und es geschah ihnen kein Leid. Es war eine Tatsache, die Russen waren da.
Es kamen viele in die Wohnungen, sie wollten Schnaps und Uhren, sie taten uns nichts.

Am 8.5. war wieder das gleiche Treiben. 

Am 9.5. kam früh um sieben Uhr ein Quartiermacher und wir mußten unsere Wohnung bis um 9 Uhr räumen. Wir zogen mit unserem Gepäck zu Hellwigs. Abends wurde die Wohnung bei Hellwigs durchsucht und wir mußten denen zu Willen sein. Ich kann das nicht aufschreiben, ich werde es nie vergessen. Wir wollten aus dem Leben gehen. Wir hatten kein Gift und keine Waffe, der Strick war uns zu grausig und das Leben ist am Ende doch wieder Sieger, denn ich war feige und auch diese Nacht nahm ein Ende. Um ½ 6 früh gab Muttel noch ihre goldene Uhr weg. Andere Sachen lagen durchwühlt herum, aber das war uns allen unwichtig. Wir hatten nur einen Wunsch, so schnell wie möglich das Haus zu verlassen. Hellwigs wollten aus dem Leben gehen. Wir haben sie zu überreden versucht, mit uns nach Hennersdorf zu kommen. Hellwigs sind jedoch einen anderen Weg gegangen, den Weg ins Wasser.

Das war am Himmelfahrtstag, am 10. Mai 1945.

Wir sind an diesem Tage ohne Papiere und ganz verzweifelt nach Hennersdorf gelaufen. Als wir durch den Wald und durch die Felder gingen, da war es mir, als wäre mir das Leben neu geschenkt. Die Sonne schien – und wir dürfen ja alle noch auf ein Wiedersehen hoffen – und so lange ich noch hoffen darf, will ich leben!
Das alles haben wir Hitler zu verdanken, der aber wohl durch unsere Schuld mit seiner Clique immer größenwahnsinniger und gemeiner wurde, denn wir hätten den und die Hitler aktiv bekämpfen müssen. Wir dachten aber alle nur an unser kleines Dasein. Aus Angst um unser Leben haben wir ihn nur unter 4 Augen verdammt, doch das konnte diesen Wahnsinnskrieg nicht verkürzen.
Wenn wir ein tapferes Volk sein wollten, dann hätten wir alle dem Faschismus zu Kriegsbeginn den Kampf ansagen müssen.
Im Weihnachtsurlaub 1939 sagte mir mein Mann; „Wenn es einen Gott gibt, darf Deutschland nicht siegen“. Im letzten Urlaub sagte er mir: „Wenn du ein Kind bekommen solltest und ich nicht wiederkehre, dann sage dem Kinde, wie ich dieses furchtbare System gehasst habe. Wenn ich ein Alliierter wäre, würde ich mit Begeisterung kämpfen und fallen. Doch von diesen Bestien müssen wir unser Glück zerstören lassen, von solchen wie Himmler, den ich persönlich quälen möchte, bevor ich im Dreck liegen bleiben muß.“
Warum durfte man das damals nicht laut sagen? Man hätte es in die Welt hinaus brüllen müssen. Jeder von uns hätte gegen diese Verbrecher ins Feld ziehen müssen. Statt dessen kehren Millionen, die nur kämpften, um denen noch ein paar Tage zu schenken, nicht heim. Ob Du bei den Heimkehrenden sein wirst, mein lieber Mann? 

Am 25.5. sind wir wieder eingezogen. Ich gehe in Flöha wieder meiner Arbeit nach. Viele sind entlassen. Ich hänge in der Luft, denn es ist wohl noch nicht geklärt, was aus der Preisprüfung wird. Ein neuer Landrat ist da. Ein sehr sympatischer Mensch. 

Lisa ca. 1947

Am 6.6. komme ich abends aus dem Amt, als es heißt, daß wieder Einquartierung kommt. In unserem Haus wird uns unsere Wohnung beschlagnahmt. Wir ziehen mit unserem persönlichen Gepäck zu Blumes. Verschiedene Russen kommen, um sich das Quartier anzusehen. Die Wohnung gefällt, ein höherer Offizier wird sie beziehen. Ein sympathischer Leutnant setzt sich ans Klavier und spielte sehr gefühlvoll eine russische Weise. Seine Frau und seine beiden Kinder sind von unseren Soldaten erschossen worden. Diese Dinge sind so unfaßbar, man möchte sie nicht glauben. Sind wir nicht alle die gleichen Menschen mit dem gleichen Recht leben zu dürfen? Mit dem gleichen Anspruch auf ein bescheidenes Glück?

Bald kommt der 32-jährige Oberstleutnant. Er sieht bedeutend älter aus. Sein Bursche Mischa beginnt sogleich zu kochen. Mischa hat man in Berlin die Nasenspitze abgeschossen: Sonst sieht er ganz nett aus, er hat auffallend schöne Zähne. Wir bekommen gleich ein schönes Stück Fleisch von ihm, das ist jetzt nicht zu verachten. Den Chauffeur, Sascha, merkt man kaum, er lächelt nur mal so von unten herauf. Wenn er nur mit Mischa Wodka trinken kann, dann braucht er weiter gar nichts. Als Dolmetscher fungiert ein Feldwebel der Propaganda-Abteilung. Er bittet auch gleich um Reißzwecken, damit er die Zeitung anschlagen kann. Mischa dreht sich die Zigaretten mit Zeitungspapier und schmeißt sie halb angeraucht in der Wohnung herum. Alexander, so heißt der Dolmetscher, hat bessere Manieren. Er trinkt nicht, raucht nicht, ist gewandt und hübsch und – weiß das. Er hat schöne schwarze Augen und versteht mit ihnen zu flunkern. Man könnte ihn für einen Spanier halten. Spricht viel und lässt doch nichts verlauten, und – was die Hauptsache ist – er bleibt immer anständig. 

Am 7.6. komme ich, da abends kein Zug fährt mittags aus dem Dienst. Ich habe gerade gegessen, als Mischa mich raufholt. Er hat in der Küche für zwei gedeckt. Ich esse, um ihn nicht zu kränken, einen Teller Suppe. Es gibt noch Gebackenes und Nudeln mit Fleisch, doch das ist mein Magen nicht gewöhnt. Mischa fragt mich wie alt ich bin und meint, ich könne seine Frau werden. Er macht ein enttäuschtes Gesicht als ich ihm sage, daß ich ja einen Mann habe.
Nachmittags sitzen wir im Garten. als Alexander kommt und uns bittet, das Geschirr abzuwaschen. Ich tue das gemeinsam mit Frau Baltuschat. Dann gehen wir alle zusammen in den Garten und unterhalten uns, wobei ich Mischas Wäsche stopfe, die Muttel gewaschen hat. Alexander will besser deutsch lernen. Auch eine Russin in Uniform setzt sich mit  zu uns, geht jedoch bald in unsere Wohnung hinauf und spielt am Klavier eine eintönige Melodie. „Sie kennt nur diese eine“, meint Alexander spöttisch. Abends bringt er uns neue Berliner Zeitungen. 

Am Samstag, den 9.6. komme ich mittags heim und finde Muttel im Bett vor. Sie hat sehr geweint. Sie hat mit dem Oberstleutnant trinken müssen. Er wurde sehr liebevoll. Die Trauer um unsere Männer übermannt uns wieder sehr. Wann werden wir sie wieder sehen? Wir müssen tapfer sein. Abends ist auf dem Teichplan Tanz.

 
Sonntag den 10.6.
kommt Alexander nachmittags zu uns. Er erzählt daß er getanzt hat mit einem blondgefärbten Mädchen. Nach zwei Worten habe er schon gewußt was an ihr ist. Er ist oder tut jedenfalls sehr anständig. Er geht kurz in die Wohnung hinauf, kommt jedoch bald wieder um zu sagen, daß die Frau welche sauber gemacht hat, einen Schlüssel verlegt habe und raufkommen soll. Wir waren früh alle oben, ich habe dem Oberstleutnant die Uniform gereinigt. Muttel hat mit Frau Blume sauber gemacht. Er betonte immer wieder, dass ich „garascho“ sei. Als alles fertig war, bat er mich, an seine Uniform Knöpfe zu nähen. Kurz entschlossen nahm ich den Rock und nähte die Knöpfe unten an. Frau Blume brachte ihn rauf. Welche Frau soll raufkommen? Alexander merkt, daß wir wenig Lust haben. Er gibt uns den guten Rat, daß wir alle raufgehen sollen und geht selbst mit. Mischa ist auch oben. Frau Wöllner und Frau Baltuschat kommen auch noch dazu.
Ich helfe Mischa in der Küche Brot, Wurst und Schinken fertig machen, bringe jedoch selbst keinen Bissen runter. Am Tisch sitze ich neben dem Oberstleutnant. Er lässt mir durch Alexander viele Schmeicheleien sagen und trinkt viel. Mischa muß sein Fotoalbum bringen. 
Er zeigt mir das Bild seiner Frau. Sie sei gehängt worden, weil er ein russischer Offizier ist. Seinen Bruder, einen Professor, habe man erschossen. Bald darauf widmet er sich Frau Wöllner. Als er hinausgeht, ruft mich Alexander in die Küche. Er sagt mir, ich soll die anderen Frauen mit runternehmen. Frau Wöllner soll bleiben. „Frau Wöllner oder Du“, hat der Oberstleutnant gesagt. Ich sage, daß ich auch die Frau Wöllner nicht im Strich lassen kann. Ich werde ganz weiß und mir kommen die Tränen. Ich muß wieder an jene schlimme Nacht des 9. Mai denken. Man kommt sich wie mit Dreck beworfen vor. Kann man denn mit uns machen, was man will? Alexander faßt mich um die Schulter und sagt; „Du bist sehr schön, Du brauchst  keine Angst zu haben, wir haben Dich gern, aber es gibt zweierlei Liebe“.        Mischa hat in ein Körbchen Eier, Schinken und Brot getan und wir gehen zu Blumes runter, wo ich Abendbrot für uns mache. Alexander meint, daß ich oben gar nicht vermißt werden werde und die anderen Frauen es schon schaffen werden. Er sei ein guter Mensch, der Oberstleutnant, habe nur ein bisschen viel getrunken. Wir unterhalten uns nett. Mischa ist auch etwas angeheitert und macht mir am laufenden Band Liebeserklärungen, die Alexander übersetzt. Alexander trinkt nur Bier. Frau Wöllner kommt auch bald zu uns und als sie oben vermißt wird, sagt Mischa, er könne sie nicht finden. Das ist anständig von ihm. Die beiden meinen, wenn der Oberstleutnant seinen Willen nicht bekommt wird er schlafen. Auch die anderen Frauen kommen bald runter und Mischa geht um ihn hinzulegen und er schläft tatsächlich. Alexander geht zu seinem Funkwagen.

Mischa ist verliebt. Er hat zwei Räder und ich soll unbedingt mit ihm ein Stück fahren. Weil er gar so hartnäckig ist, raten mir auch die anderen, mit ihm einmal um den Häuserblock zu fahren. Wir sind aber kaum um die Ecke, als sein Reifen platzt. Also bin ich erlöst. Ich gehe in die Küche aufwaschen, was Mischa nicht paßt, denn ich soll Wodka mit ihm trinken. Er hat schon genug indus! Nun bekommt er Wut, geht, schlägt die Tür zu, holt sich aus der Waschküche eine bereits seit 24 Stunden eingesperrte Henne und geht mit ihr weg. Wir müssen alle lachen; es war ein toller Sonntag.

Alexander kommt gegen 8 Uhr wieder. Er erzählt von den deutschen Frauen, von einer Lilo in Berlin, von einer Offiziersfrau, bei welcher er im Quartier war. Ich frage ihn nach seiner Braut, nach seinen Eltern. Er hatte sie alle am Schwarzen Meer. Die Eltern und die Schwester sind tot. Ein Mädchen hat er damals durch das schnelle Vorgehen der Deutschen verloren, da sie evakuiert wurde und er gleichzeitig ins Lazarett und dann zu einer neuen Einheit kam. Ein anderes Mädchen, das er zwei Monate kannte, ist bei einem  Bombenangriff in einem Lazarett ums Leben gekommen.
Er sieht mich immer an, wie man einen Menschen, den man liebt, ansieht. Oder gibt er sich nur Mühe, mir den Kopf zu verdrehen? – Du gefällst mir gut, Alexander, aber ich liebe einen Anderen und auf den warte ich! -  Mischa kommt gegen zehn Uhr heim. Seine Wut ist verflogen. Er sagt, daß er sich bemüht hat um eine Uhr für mich, hat aber keine bekommen!!

Am 12.6. holt mich Mischa mittags in die Wohnung rauf. Er ist nüchtern und tut sehr wichtig. Erst muß ich mich setzen, dann setzt er sich auch und schenkt mir sein Bild und einen kleinen Ring, den ich nicht nehmen will. Ich erzähle ihm so gut es geht von meinem Mann, aber das Bild und den Ring soll ich trotzdem nehmen, als Andenken, wenn er dann wieder in Rußland sein wird.

Ich nehme meine Brieftasche, in welcher ich Fotos meines Mannes aufbewahre und zeige diese Mischa.

Er steht da wie ein Depper. Ich gehe runter, nachdem ich ihm mütterlich auf die Schulter geklopft habe. Jetzt hat er mich wohl endlich verstanden.

Um 4 Uhr kommt Alexander. Er spricht viel von der Liebe und Treue, er ist wohl nicht gewöhnt, daß man nicht verliebt in ihn ist. Er sagt: „Und wenn Dein Mann nicht wiederkommt?“, worauf ich ihm antworte: „Dann will ich auch nicht mehr leben.“
Da sagt er mir: „Das ist sehr schön, ich kann nicht viel Worte machen, aber das ist sehr schön von Ihnen. Solche Frauen gibt es sehr wenige in Deutschland und auch in Rußland nicht viele. Das sage ich Ihnen als ein Freund.“ Als er geht sagt er mir, daß er gern kommt, daß es aber besser sei, wenn er nicht mehr käme. Hast Du Angst, Alexander? Du kannst ein guter Freund sein. Ich liebe aber meinen Mann, der meine ganze Liebe verdient und – wenn Du mir auch noch so tief in die Augen siehst.

Mischa hat sich wieder mal einen angetrunken. Er torkelt ordentlich in der Gegend herum und erzählt allen: „Ich Lisa liebe, gut, Lisa mich nicht liebe, nicht gut.“ Ja, Mischa, die Liebe ist ein sonderbares Ding.

Am 13.06. sagt man mir bereits auf dem Bahnhof, daß das Gros der Russen wieder abgezogen ist. Einige sind noch da, machen sich aber auch schon fertig. Unser Oberstleutnant hat Muttel gebeten, daß sie durch die Wohnung geht, was ihr fehlt, wird er ersetzen.
Ich soll von Mischa noch ein paar Eier und etwas Butter rausschinden. Deshalb bin ich auch oben. Ich helfe ihm packen.
Mischa muß Eier braten, dazu gibt es Wehrmutwein. Das Frühstück ist gut. Vom Sender Berlin klingt schöne Tanzmusik. Der Oberstleutnant tanzt einige Male mit mir. Er ist zu mir immer recht artig.
Das Bild seiner Frau zeigt er uns auch immer wieder. Dann packt er seine Orden aus. Es sind neun, doch er trägt keinen. Mir legt er einen Tausendmarkschein hin, den ich unbedingt nehmen soll, er hätte genug Geld. Die Zeiten sind für uns ernst, also nehme ich ihn. An anderer Stelle habe ich dafür das vielfache eingebüßt. Unser schönes Heim und dann auch noch die Wertsachen, die ich gerettet hatte – Ist aber jetzt alles unwichtig. Wichtig ist nur Deine Heimkehr, mein lieber Mann!
Halb sieben verabschiede ich mich. Der Oberstleutnant steht auf und gibt mir einen Kuß auf die Wange. Er sagt, daß er uns wieder besuchen will. Von den anderen Hausbewohnern hat er sich später auch mit einem Kuß verabschiedet. Das ist wohl eine russische Sitte. Von Mischa verabschiede ich mich in der Küche. Er will mir etwas Butter dalassen, auch ein paar Eier. Als ich schon den Mantel an habe, kommt Mischa noch einmal runter und schreibt mir seine Adresse auf. Bevor er geht, küßt er mich auf den Mund! Aber zu essen hat er mir trotzdem nichts dagelassen! – Was nützt mir da Deine große Liebe, Mischa? –

Am 15.6. finde ich, als ich abends heimkomme, die Doppeltür zum Speisezimmer eingeschlagen vor! Mischa war in einer Stunde drei mal da, verlor die Geduld, weil niemand daheim war um ihm zu öffnen und schlug die Tür ein, und das nur um sich einen Karton Sachen zu holen, den er vergessen hatte mitzunehmen. Das wird wohl das letzte Andenken an Mischa sein. Im Übrigen gibt es schlimmere Dinge – und – Humor ist, wenn man usw. wir freuen uns sehr, daß wir wieder in unseren Betten schlafen können. Die Koffer packen wir gar nicht erst aus.

Am Sonntag, den 17.6. ist es wieder wie immer bei uns, Muttel ist zur Kirche gegangen, mittags gibt es Klöße und Gulasch. Wir bekommen 100 gr. Fleisch pro Woche, haben aber noch nicht gehungert, es gibt auch täglich Milch.
Wir sitzen bis spät abends im Garten. Jetzt ist Sommer, trägt sich alles leichter, was wird im Winter sein?


Heute ist der 30.6. Ich sitze an meinem Schreitisch im Landratsamt, um wieder einige Aufzeichnungen zu machen. Es ist ½7 und ½8 beginnt ja erst der Dienstbetrieb.

Seit dem 27.6. nehme ich an einem russischen Kursus teil. Heute von 5-6 erfolgt die zweite Stunde. Mir macht es Spaß. Man hätte in der Jugend viel mehr lernen sollen. Ein neues Gerücht geht auch wieder um. Es heißt, daß man sich auf die Elbe als Grenze geeinigt hat. Daß also der Russe Hamburg bekäme und der Engländer uns besetzen würde. 

3.7.45 Es regnet fast jeden Tag. Man sagt, weil es Siebenschläfer geregnet hat, hält das Wetter nun 7 Wochen an.
Mit der Esserei wird es schlecht, ich esse viel Kartoffeln, denn wir haben Gott sei Dank noch welche. Heute habe ich mich gewogen. Mit Kleidern 123 Pfund. Das ist noch sehr gut, denn die Meisten sind sehr abgekommen. Alles dreht sich nur noch ums Essen. Alles andere ist unwichtig geworden.

4. Juli 45. Natürlich regnet es auch heute wieder und so vergeht ein Tag nach dem anderen und man sieht nur traurige Menschen. Den im Haus einquartierten Menschen hat Muttel gestern Kakao und je eine Schnitte gebracht. Die Not ist ja zu groß.
Das ganze Leben, die ganze Zukunft steht wie ein großes dunkles Fragezeichen vor mir und klagt Dich an Adolf Hitler!!! Wären die furchtbaren Greuel nicht geschehen dann hätten wir den Krieg vor ein paar Jahren in Ehren verlieren können, dann ….. Aber es ist ja zu spät. Wir müssen sühnen, was „wir“ verbrochen haben. „Wir“ haben ja auch Schuld, indem wir nichts dagegen taten und schließlich haben „wir“ ja den Krieg verspielt. Ja, verloren haben „wir“ ihn. Gesiegt hätten „wir“ auch sowieso nie, gesiegt hätten die Bonzen. Dazu hätten sie uns nicht gebraucht, die Himmler und Mutschmann und Konsorten. Aber ich bin kein Politiker, kann allein auch nichts ändern. Leben wir noch ein bisschen weiter, vielleicht scheint hinter dem Berg, über den wir nun mal hinweg müssen, die Sonne...

Trotz des Regens und der ganzen miesen Zeit, trotz allem will ich den Mut nicht verlieren und dabei hilft mir nichts so gut als der Gedanke an Dich, mein liebster Heinz.

Dieses kleine Buch hier schreibe ich ja auch nur für Dich und ich fürchte, daß ich noch einige Bücher werde voll schreiben müssen, bis wir uns wieder sehen. 

18.7. als ich gestern heim kam, lag folgender Brief von Ewald Böselt aus dem Lazarett Oberlungwitz da:

         Oberl. d. 16.7.45

         Werte Frau Hösel! Sollten diese Zeilen in Ihren Besitz gelangen, bitte ich     um Nachricht Ihrer Adresse. Ich bin im Laz. Oberl. Sollte ich inzwischen       entlassen sein, dann ist meine Heimatadresse: Krauschwitz, Ober/Lausitz 

         b. Muskau i. Schl.            Es grüßt herzlichst E. Böselt.

Muttel hat ihm gleich geantwortet. Ich wollte heute zu ihm fahren, der Amtmann gibt mir jedoch keinen Urlaub. Er rät mir ganz und gar, ich solle auf schriftliche Antwort warten. Vielleicht ist es auch besser, denn ich habe große Furcht vor einer schlimmen Nachricht. Man weiß nicht, was in diesem Falle besser wäre, die Gewißheit oder die Hoffnung und das aussichtslose Warten. Wir sind ja alle so müde geworden und manchmal bin ich ganz apathisch. Jetzt wage ich immer noch auf eine gute Nachricht von Böselt zu hoffen. Vielleicht weiß er auch gar nichts und schreibt mir nur so. Es ist alles zum verzweifeln. Vielleicht schnappen wir alle noch einmal über. Ich wundere mich selbst über meine verhältnismäßige Ruhe. Kommt sie daher, weil man sieht, daß es anderen noch viel schlechter geht oder wächst mit dem Leid das man zu tragen hat die Kraft? Ich will ja auch alles ertragen, wenn nur Du, mein geliebter Mann, lebst. Was aber, wenn Du nicht mehr unter uns bist? Ich weiß nicht was dann werden soll. Es ist so, als wäre alles nur ein böser Traum. So, als würde ich eines Tages erwachen und Du bei mir sein. Alles andere will ich gern tragen, alles andere ist belanglos. Muttel hat Angst, daß ich sie verlasse wenn Heinz nicht heimkehren sollte. Sie hat die ganze Nacht gezittert und geweint. Ich werde sie nicht im Stich lassen. Bei allem was ich tue, denke ich an Dich, mein liebster Mensch, und wie kann ich Dir besser meine Liebe beweisen als wenn ich zu Deiner Mutter halte?  Mein Leben hat durch unsere Liebe seinen Sinn erhalten, auch dann, wenn wir uns nie wieder sehen. Heute vor drei Jahren verstarb meine Mutter. Es war wohl der erste große Schmerz in meinem Leben. Das erste Furchtbare, das ich durch ihr langes schweres Leiden, seelisch erlitten habe. Wie viel Bitternis blieb ihr jedoch in diesen 3 Jahren erspart? Ich bin froh darüber, daß meine gute Mutter all diesen Kummer nicht mehr erleben brauchte. Ich werde erst wieder schreiben, wenn ich von Böselt Nachricht habe. Bis dahin werden es noch schlimme Stunden sein. Was doch ein Mensch alles zu ertragen vermag. Wird es denn nie wieder Freude geben?

Heute ist der 24. August. Heute sind es 5 Monate, daß Du, mein geliebter Mann nicht mehr sein sollst.  Heute bringe ich es wieder fertig, in mein Tagebuch zu schreiben.
Es war am 24. März 1945, da mußtet Ihr nachmittags bei Danzig-Oliva zum Gegenangriff antreten, der Major Beck, dieser Hund, hat Euch mit der M.P. ins Feuer gejagt, obwohl Ihr nur den Karabiner hattet und zwei von Euch, dabei warst auch Du, eine Panzerfaust. Vormittags hatte Euch der Russe dort hinausgeworfen, die Wehrmacht war an dieser Stelle bereits zurückgezogen. Ein in Gefangenschaft gehen gab es nicht, dazu war die Propaganda zu gut. Du warst mit Böselt und etwa zehn anderen Kameraden in einem Graben. Einige Meter weiter war der Russe. Böselt sagte zu Dir, Du sollst mit aus dem Graben gehen, doch die letzten Worte die Du zu ihm sagtest waren: “Ganz gleich wie ich zur Regierung stehe, meine Pflicht werde ich tun.“ So warst Du immer, immer hast Du Deine Pflicht getan. Böselt ging und bekam einen Kopfschuß. Er schleppte sich zu den deutschen Linien zurück, wo ihm gesagt wurde, daß Du mit einer Kopfverletzung gefallen bist.
Nachts, wenn ich aufwache, sehe ich Dich im Graben liegen und doch will ich es nicht glauben. Zwei Kameraden haben es Böselt bestätigt und trotzdem kann ich es oft nicht glauben und denke, daß sie Dich bewußtlos haben liegen lassen und daß Du von den Russen aufgenommen worden bist. Böselt meint, es sei kein Zweifel möglich. Die Kameraden wären noch bis zum Dunkel im Graben gewesen, hätten sogar noch andere verletzte Kameraden verbunden und Du seist ja schon zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags gefallen. Nachts wenn ich aufwache dann sehe ich Dich mit einer Kopfverletzung im Graben liegen und doch will ich es nicht glauben. Böselt sagte mir noch, daß Du mir täglich geschrieben hast, obwohl die Kameraden darüber gelacht hätten. Ja, so warst Du, Deine Gedanken waren immer bei mir, so wie auch meine Gedanken immer bei Dir sein werden, auch wenn Du nicht mehr lebst. Den letzten Brief an mich hast Du in Deiner Tasche gehabt, er war schon mit der Anschrift versehen, und so gern hätte ich diesen letzten Brief an mich. Warum man ihn Dir nicht abgenommen hat? Es hätte keiner geglaubt, daß ein Rauskommen aus Danzig möglich sei, deshalb hätte man den Kameraden nichts mehr abgenommen. Ich war bei der Kartenlegerin und sie sagt, daß Du lebst! Wenn Du wiederkämst, das wäre so wunderbar und doch wird das nie mehr sein, sondern alles Schöne und gute in meinem Leben gehört jetzt der Vergangenheit an und ich will mich Deiner schönen großen Liebe würdig erweisen, indem ich nicht vor dem Leben kapituliere, sondern in Deinem Sinne weiterleben will, bis ich auch eines Tages den Weg gehen werde, den wir alle einmal gehen müssen und der mich zu Dir führt. Wenn man jung ist, dann hat der Gedanke, daß man sterben muß, so etwas grausames. Wenn man aber die Menschen, die man über alles liebt dort weiß, dann ist der Gedanke an den Tod so beruhigend. Es ist ja dann nur noch ein Heimgang. Mein Leben? Das ist zu Ende.
In diesem einen Monat bin ich wohl 20 Jahre älter geworden. Trotz allem bin ich tapfer. Ich habe nie geglaubt, daß ich so stark sein würde. Ich habe ja noch die Muttel, Deine Mutter, und wir müssen uns nun gegenseitig trösten. 

 
Schon Wochen regnet es. Die Ernte ist in großer Gefahr. Der Winter wird schlimm werden, trotz alledem, ich habe noch nicht gehungert, auch haben wir noch unsere Wohnung, noch habe ich Arbeit, sodaß es sogar Menschen gibt, die mich jetzt noch beneiden, obwohl ich alles verloren habe. Doch das können ja die Meisten nicht ermessen. Wenn Du sehen könntest, wie ernst Deine oft sehr kindliche kl. Frau geworden ist, die früher ohne Deine Hilfe gar nichts anzufangen wußte. Aber ich glaube, auch jetzt lebe ich mit Deiner Hilfe, denn bei allem was ich tue ist mir, als wärst Du dabei und tue ich das, was Du tun würdest. So viel danke ich Dir. Alles was Glück war in meinem Leben.

 
Am 22.9. war Betriebsappell. Wir sollen uns alle politisch organisieren! Was soll man tun? Ich bin politisch viel zu unreif, um mich für eine Partei entscheiden zu können. Man organisiert sich ja schließlich nicht nur der momentanen Vorteile wegen, sondern muß dann auch jederzeit für die gewählte Partei aus voller Überzeugung eintreten können. Heute ist mir alles noch ein großes Fragezeichen. Vielleicht spreche ich einmal mit Neubert. Muttel rät es mir. Ich verdanke ihm ja meine Stellung, aber muß ich deswegen unbedingt in seine Partei? Wir politisieren jetzt viel, denn viele wissen nicht, was sie tun sollen, aber wir kommen nicht weiter damit. 

6.11. Heute ist bereits wieder Dienstag. Der Sonntag ist wie immer vergangen und es ist gut, daß es nur einen Sonntag in der Woche gibt. Man schläft sich aus, man geht ein bißchen hamstern, man hat wenig Lust positive Arbeit zu leisten und so schön früher die Sonntage waren, so froh ist man jetzt wenn wieder Montag ist und der alte Trott weitergeht, der einem zum vielen Nachdenken keine Zeit läßt. Man sieht und hört viele andere Menschen und das ist gut so. Ich müßte alle Neuigkeiten in mein Tagebuch eintragen, aber es geht alles an mir vorüber, es läßt mich alles so kalt, denn für mich gibt es eigentlich nichts mehr, was ungeheuer wichtig wäre.

9.11. Neubert hat mir den Rat gegeben, in die S.P.D. einzutreten, wenn ich nicht aus voller Überzeugung in die K.P.D. gehen kann. Ich bin sehr froh darüber, daß er so denkt, denn er ist ja mein Chef und ihm zu liebe wäre ich vielleicht - ohne überzeugt zu sein - doch in die K.P.D. gegangen. In die S.P.D. trete ich gern ein, obwohl ich von Politik nicht viel verstehe.
Neubert meint, eines Tages würden die Parteien ja doch wieder verschwinden und nur die K.P.D. bleiben. Er ist immer recht freundlich. Es ist angenehmes Arbeiten, wenn man einen solchen Chef hat.

13.11.45. Ich hatte für die Bodenreform die Listen zu schreiben.

15.11.
Es vegetieren so viele. Ich vegetiere da eben mit. Ich darf sogar mithelfen am Wiederaufbau Deutschlands. Heute gebe ich meine Anmeldung für die SPD ab und das alles mit Humor und knurrendem Magen. Ich habe seit dem 1.11. ein mal 100 Gramm Butter bekommen, dafür bekommt Muttel, weil sie nicht berufstätig ist, gar keine. Trotzdem geht das Leben weiter. Heute haben wir Wäsche und zu Mittag gibt es sogar Milchreis! Und da heißt es, das Leben wäre nicht schön! Zum Brüllen ist das Leben! Und dieses herrliche Leben verdanken wir „dem geliebten Führer“. Seine ganzen Anhänger müßte man früh, mittags und abends hundert mal laut brüllen lassen: „Wir danken unserem Führer!“ Das haben sie ja so gut gekonnt, damals, als es Europa so erging wie uns heute.

 
27.11. Sonntag war ich in der Mitgliederversammlung der SPD. Die Versammlung war gut besucht. Man konnte sich dort wohlfühlen.
Wenn ich nun auch bald Mitglied der SPD sein werde, so muß ich mich vorläufig doch ohne Kritik an allem beteiligen, denn ich fühle mich politisch gar nicht richtig reif dazu. Ich will mithelfen am Aufbau der Heimat. Ich hoffe, daß einmal eine Zeit kommen wird, in welcher sich die Menschen im Kleinen, so wie die Völker im Großen, gegenseitig anerkennen und achten werden. Wird dies so lange Menschen auf der Welt leben möglich sein?

2. Januar 1946. Das neue Jahr hat begonnen. Was wird es bringen? Wir haben es mit Franzels und Frau Baltuschat verlebt. Weihnachten waren wir bei Helbigs eingeladen. Am 1. Feiertag haben wir Frau Baltuschat mit den Kindern bei uns gehabt und allen eine Weihnachtsfreude gemacht. Frau Baltuschat hat sich auch sehr über eine schöne Jacke gefreut, die ich ihr gestrickt habe und über ein paar gestrickte Schlüpfer von Muttel. Am zweiten Feiertag waren Helbigs mit Susel bei uns. Sonntag vor Weihnachten haben wir im Amt gearbeitet. Auch Sonntag vor Neujahr. Ich bin froh, wenn ich Arbeit habe und auch da sind die Gedanken immer bei Dir und ich kann und will mich noch nicht mit der Tatsache abfinden, daß Du nicht wiederkehrst. Viele bekommen jetzt Post aus Rußland. Ruth Hennigs Mann ist aus Brüssel gekommen. Immer mehr schreiben und kommen. Warum sollst Du nicht dabei sein? Viele kommen, die nicht erwartet werden. Ist das Leben nicht mehr als grausam?

Wir haben gut gelebt über die Feiertage. Das erste Stück von Vatel haben wir vertauscht. Seine Skier. Ich konnte Muttel zu Weihnachten eine große Freude machen, denn ich bekam eine große Tüte Bohnenkaffee. Heute schenkte mir der Bürgermeister Otto aus Grünhainichen ein schönes Schmuckkästchen. Ist doch nett von ihm. Er nimmt immer so viel Anteil am Schicksal unserer Familie. Im Amt hat Architekt Reinhold gekündigt. Berger möchte auch weg. Heute sagte er mir, daß Neubert gekündigt hätte. Das ist wirklich schade. Neubert ist in Ordnung. Neubert ist Idealist. Auch Hofmann, Propagandaleiter der K.P.D. Betriebsgruppe. Wenn alle so wären, dann sähe es besser aus. Heute sind aber so viel schmutzige Elemente am Werk, daß die wirklich guten nicht durchkommen. So viel wirkliche Idealisten sind nicht mehr. Wie nötig könntest Du sie brauchen, o Deutschland. 

2. Februar 1946.
Die Tage vergehen jetzt so schnell. Eine Woche fliegt nach der anderen dahin und auch das Leben, es vergeht und geht trotz allem immer weiter. Im Amt gibt es ab und zu politische Gespräche, so auch in der Bahn, es wird auch mal geschaut und so vergeht die Zeit. Eintönig ist das Leben und man muß immer wieder versuchen noch etwas aus ihm zu machen. Ich lerne nun Kurzschrift und will mich auch in der Geschichte der Literatur weiterbilden. Ja nicht stehen bleiben, bei den eigenen Sorgen, ja nicht nachgeben, wenn einen die Sehnsucht zu übermannen droht. Auch dem Leben allein will ich einen Sinn geben. Ob mir das trotz all meiner Bemühungen jemals gelingen wird? Es ist ja alles ein Kampf mit dem eigenen Ich. Man muß sich selbst belügen, um nicht zu verzweifeln. Sich selbst muß man Theater vorspielen, bis man selbst glaubt, daß das Leben auch so zu ertragen ist, bis man vergißt, daß man nur vegetiert und sich so an das Vegetieren gewöhnt hat, daß man glaubt, das Leben müsse so sein.

15.2. Gestern war in der Waldeinkehr Eröffnungsfeier des Kulturbundes. Im Kulturbund sind sehr viele Bekannte. Ehemalige Lehrer und Beamte usw. Es wurde gleich mit bekanntgegeben, daß die kleinen Pg’s nun auch in die Parteien eintreten können. Man braucht sie sicher doch. Ja, ein paar hat man zu Tode gequält und andere, welche sogar Kämpfer waren, holt man heute. Violine und Klavier gaben zwei Stück von Mendelsohn zum besten. Anschließend wurde noch getanzt. An einem solchen Abend, wenn ich andere tanzen sehe, dann muß ich ganz besonders an die Millionen Toten denken, die noch unter uns sein könnten, die so gerne hätten dabei sein mögen und im Massengrab liegen. Warum? Warum?? 

 
19.4.46. Karfreitag
Ich habe wieder einen Spaziergang über Land gemacht um etwas Milch zu holen.
Am Tage vorher bin ich mit einem fremden Auto, das ich bat mich mitzunehmen, nach Oederan gefahren, wo ich bis ½ 10 beim Friseur war. ich habe mir wieder meinen jetzt so beliebten Mittelscheitel legen lassen. Ich bin wohl nicht sinnlich, wodurch ich gut mit Männern auf eine wirklich kameradschaftliche Art sehr gut befreundet sein kann. Auch merke ich, daß man meine Art schätzt und mir nicht in frecher Weise zu nahe tritt, was mich sehr freut. Es gibt nichts schlimmeres als einen geilen Mann. Hoffentlich unterliege ich doch nicht eines Tages einem Menschen, der mir nichts ist, nur aus erotischen Gefühlen heraus. Oft denke ich, wie wird das Leben weiter verlaufen? Es gibt Männer, die sich für mich interessieren. Es gibt Stunden, in denen man so einsam ist. Es gibt jedes Jahr einen Frühling und man hat ein Herz in der Brust, man ist aus Fleisch und Blut, wenn man auch einen Willen hat. Hinter allem stehst Du und sehen Deine schönen ernsten Augen mich an.
Wie schön wäre es, wenn mir aus zwei Kinderaugen die Deinigen entgegenblicken würden. Aber das Leben hat es anders gewollt und trotzdem steht Ostern vor der Tür.

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Alle Rechte zur kommerziellen Nachnutzung des hier veröffenlichten Textes liegen bei Eva Jobst

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Ein wichtiges PS:

Innerhalb der ARD startete vor kurzem das multimediale Projekt "Damals im besetzten Deutschland". Dort kann man viele Zeitzeugen-Berichte über die Nachkriegszeit aus ganz Deutschland lesen                                       ( Auch ein Auszug aus Lisas hier vorgestellten Tagebüchern ist dabei. ) 

Außerdem gibt es dort viele Informationen über die Besatzungszeit.

zu finden unter:     http://www.mdr.de/damals-im-besetzten-deutschland